Der Spuk zu Holtey

Zu Altendorf an der Ruhr lieg der Hof des Schulten Holtey. Er hat vor vielen hundert Jahren schon bestanden, und die Sage erzählt von einem mutigen und mitleidigen Schäferknecht, der einstens dort gelebt. Er kam zu später Nachtstunde von einem Feste heim und schritt einsam seines Weges, der ihn durch ausgedehnte Wiesen führte. Da bemerkte er plötzlich einen hellen Schein, der unruhig und eilig näher und immer näher kam. Es war ein feuriges Männlein, das ihn verfolgte. Es hüpfte bald vor, bald hinter ihm her. Der Schäfer achtete es nicht und ging des Weges weiter. So kam er an den nahen Bach, dessen Steg er überschreiten mußte. Da verwehrte das Männlein ihm den Übergang. Der Schäfer aber erhob mutig und entschlossen seine Hand, machte das Zeichen des Kreuzes und gebot dem Spuk, sogleich zu entweichen.
Da flehte ihn ein feines Stimmchen an: „O taufe mich! Ich bin ein totes ungetauftes Kind. Ich mußte sterben, bevor man mir das Sakrament gespendet.“ Als dies der Schäfer hörte, ward er von großem Mitleiden erfaßt. Er griff sogleich in den Bach hinein und vollzog die Taufe. Und siehe da, das Flämmchen schwebte gen Himmel auf und wurde da zu einem hellen Stern. Der Schäfer sah es und stand in großem Staunen; aber noch war sein Werk nicht ganz getan. In der Ferne tauchte ein neues Flämmchen auf und dann noch eins und wieder eins, immer mehr und mehr – zehn – zwanzig – unzählige. Sie schwebten herbei und umdrängten ihn, baten und beschworen ihn, und er willfahrte ihrer Bitte, stand mitten in dem tanzenden Lichterschein und ließ das Wasser von seinen Händen rinnen, bis der Morgen tagte. Da waren sie alle getauft und erlöst und standen als leuchtende Sterne am Himmel.
Darum ist seit jener Zeit auch aller Spuk von den Wiesen an der Ruhr verschwunden.