Der Zwerg von Überruhr

Es wohnte ein Männlein dort hinten im Berge,
ein Sproß vom Geschlechte verlorener Zwerge;
zwar konnten die Dörfler ihn nimmer erschauen,
doch waren sie sonder Fürchten und Grauen.

Was soll auch die Angst? Mit freundlichen Gaben
beschert er die Mädchen, belehnt er die Knaben,
die Männer und Frauen und Kinder und Greise
versorgt er in unverdrossener Weise.

So kriechen sie täglich zur Bergesspalte,
und bitten hinein. Der freundliche Alte
befreiet sie gnädig von ihren Sorgen:
am Berg liegt die Gabe am anderen Morgen.

Er hämmert die Pflugschar, am Steine zerbrochen,
breitstirnige Ochsen versieht er mit Jochen,
zur Lese macht er dem Winzer die Fässer,
und niemand verfertigt sie schneller und besser.

Dem Kinde bringt er Puppen und Kreisel und Reife
und Pfeil und Bogen und Trommel und Pfeife;
mit Kleidern zieret er bräutliche Paare,
den Alten gibt er da Tuch für die Bahre.

Nie rastet sein Tun, nie ruhet sein Schaffen,
die Bauern, sie lassen ihn nimmer erschlaffen,
und herrlich erblühen die Bürgerkronen.
Wie sollen sie dieses dem Zwerge entlohnen?

Das war wohl ein langes und breites Beraten:
„Er trinkt seinen Wein, er ißt Braten,
er ist nur bedürftig des schützenden Kleides.“
So Hose und Wams --- bestimmen sie beides

und rufen den Schneider und fragen die Preise.
Er muß es ersinnen in prächtiger Weise:
Das Beinkleid von Seide, die Jacke von Sammet
und adelig alles von Blumen durchflammet.

Und als es vollendet, da ziehen sei alle
mit Flöten und Geigen und festlichem Schalle
und legen das herrliche Kleid an die Spalte. ---
Zum Danke erhält es der gütige Alte.

Dann gehen sie heim mit fröhlichem Sinnen,
und ihre Bitten von vorne beginnen:
mit besserm Gewissen nun fordern sie eben,
weil sie das Geschenk dem Zwerge gegeben.

Doch seltsam, es bitten die einen, die andern,
man sieht sie am Morgen zum Berge wandern;
doch was sie verlangten, es war nicht erschienen.
Ei! wie sie so mürrisch verzogen die Mienen!

Da rüsten die Dörfler noch einmal zum Gange
und rufen dem Zwerge: „Was harrst du so lange?
Wir baten um Spaten und Besen und Hacken!“
Da tönt es heraus: „Ei, wollt ihr euch packen!“

Die Bauern erschrecken. Doch redet noch weiter
der lustige Zwerg: „Wie bin ich so heiter!
Ich gehe in prächtigen Kleidergeflunker,
die Arbeit ist aus. Jetzt bin ich ein Junker.“

Nach Wolfgang Müller von Königswinter