Die eiserne Jungfrau

Zu Altendorf an der Ruhr stand vorzeiten eine feste Burg, die um die Mitte des 12. Jahrhunderts erbaut worden war. Ein unterirdischer Gang verband sie mit der benachbarten Isenburg, und ein zweiter Gang führte unter dem Bett der Ruhr hinweg zum Schlosse Horst hinüber.
Die Besitzer dieser Burg waren lange Zeit hindurch arge Raubritter und wurden in der Gegend sehr gefürchtet. Wer immer ihrer Ungnade verfiel, dessen Leben war verwirkt, und er fand einen grausigen Tod durch die „eiserne Jungfrau“.
Dies war ein fürchterliches Martergerät im Innern der Burg. Am Ende eines langen Ganges stand ein großes Bild, das eine schöne Jungfrau zeigte. Wehe dem, der sich ihr nahte! Zur ihren Füßen gähnte ein enger dunkler Brunnenschacht, der hinab in endlose Tiefen führte. Um ihn noch schauerlicher zu gestalten, ragten im Innern aus seinem Gemäuer Schwertspitzen und Messerklingen hervor. Der entsetzliche Abgrund war durch eine Falltür wohl verborgen. Durch List und Gewalt wurden die armen Opfer zur Burg gebracht. Die Ritter versprachen ihnen die Freiheit, forderten jedoch, daß sie zuvor die „eiserne Jungfrau“ küssen sollten. Sobald sie nun näher traten, tat sich unter ihnen der Abgrund auf, und unter fürchterlichem Jammergeschrei versanken sie in der grausigen tiefe und sahen das Licht des Tages niemals wieder.
Auch einem Einwohner von Altendorf, der Schlüter hieß, war das gleiche Schicksal zugedacht. Mit Neid und Habgier sahen die Ritter auf sein großes Gehöft, und sie trachteten danach, es ihm zu entreißen. So ließen sie den ahnungslosen Mann zu sich bescheiden. Der Förster Melchior im Vaerste (Forste) sollte den Befehl überbringen. Er tat es auch. Doch ehe er den Schlüterhof verließ, wandte er sich nochmals um und sagte mit erhobener Hand: „Schlüter! Schlüter!“ Dieser verstand zu seinem Glück die Warnung. Er blieb dem Schlosse fern und verbarg sich längere Zeit. So blieb er vor der „eisernen Jungfrau“ bewahrt und rettete sich Leben und Gut.
Die Frevel der Ritter aber rächten sich an ihrem eigenen Geschlecht. Zwei Edelfräulein lebten als die letzten Sprossen auf der Burg in größter Armut und Not. Sogar die Bleifassungen der Fenster mußten sie verkaufen, um ihren Hunger zu stillen, und eines Tages stürzte das Dach der Burg über ihrem Kopfe zusammen. Nur die Ruine ist geblieben bis auf unsere Zeit.