Die Entdeckung der Steinkohle

Als noch niemand auf der Welt wußte, daß die Steinkohle wie das Holz brennen und glühen, leuchten und heizen kann, und daß sie es noch viel mehr und viel besser kann als das Holz, hütete ein Hirtenknabe an der Ruhr seine Herde und vertrieb sich die Zeit damit, daß er in einem nahen Bache Fische fing, die er zu braten begann. Als das Feuer schon längst erloschen schien und er in die Asche greifen wollte, bemerkte er, daß die Steine, auf denen er das Feuer entzündet hatte, sich in heller Glut befanden. Darüber erschrak er so sehr, daß er kopfüber von dannen lief und sich nicht mehr an den Ort getraute. Auch seine Eltern warnten ihn eindringlich vor dem bösen Spuk, der von dem Teufel kommen müsse, und sie befahlen ihm davon zu schweigen. Der Knabe tat es auch, aber er konnte doch niemals vergessen, was er heimlicherweise an der Ruhr erlebt hatte.
Unterdessen war er herangewachsen, und er dachte daran, sich im Lande eine Gattin auszuwählen, die sein Leben mit ihm teilen sollte. Unter den Jungfrauen seiner Heimat mochte manche ihm gefallen, aber eine lag ihm im Sinn, die er noch niemals mit eigenen Augen gesehen hatte.
Auf dem Rott in Essen wohnte damals ein reicher und vornehmer Bürgersmann, der eine liebe und schöne Tochter hatte, von der man in der ganzen Gegend erzählte. Viele angesehene und ehrbare Männer hatten schon ihre Hand begehrt, aber sie war stolz und wies sie alle ab. Da bestimmte der Vater, daß nur derjenige sei als seins Frau zum Altare führen dürfe, der ihr den schönsten Edelstein als Hochzeitsgabe schenkte.
Davon hatte auch der Jüngling gehört, und er mußte an sein Geheimnis denken. Lange stand er am Fuße der Ruhrberge und besann sich, ob er es wagen sollte, aber seine Sehnsucht war so groß, daß er die Furcht überwand. Beherzt faßte er zu, löste mit einer Hacke die schwarzen Steine und sammelt ein Bündel davon, das er verbarg. Er machte sich damit auf den Weg, den viele vor ihm schon gegangen waren. Aus fremden Ländern hatten sie Goldschmuck, Diamanten und wundersames Gestein hergeholt, um damit die Braut zu gewinnen, aber alle waren traurig wieder von dannen gezogen, weil die Jungfrau selbst schon reichere Kostbarkeiten besaß und darum niemand erhören wollte.
Da wurde der Hirte von der Ruhr gemeldet, der in schlichtem Gewande am Haustor stand. Als er mit seinem wunderlichen Bündel eintrat, hätten Vater und Tochter beinahe über ihn gelacht; als er aber zu sprechen begann, horchten sie verwundert auf. Er hatte den schwarzen Stein in seine Hand genommen und bat, daß er ihn im Kamin sogleich entzünden dürfe. Kaum war es geschehen, da züngelten die Flammen lustig daran empor, und er begann zu glühen und zu leuchten so groß und rot und schön, wie niemals ein Edelstein gesehen worden war.
In seinem Schein stand nun der Hirte, und als die Jungfrau ihn ansah, gefiel ihr seine Gestalt und sein Angesicht so sehr, daß sie selber wünschte, seine Braut zu werden, und unter großer Feierlichkeit wurde in der alten Gertrudiskirche die Hochzeit gefeiert.
Als die Menschen an der Ruhr von der seltsamen Hochzeitsgabe hörten, fingen sie an , den schwarzen Stein in Ehren zu halten und seine Wunderkräfte zu versuchen bis er im Dienste der Menschen auf der ganzen Welt bekannt geworden ist.