Die Wichtelmänner zu Altendorf

Zu Altendorf an der Ruhr wohnten einst die Wichtelmänner. Sie waren gutmütige Zwerge, die ein nahes Dorngebüsch zu ihrem Aufenthalt erwählt hatten und mit Freundlichkeit und Fleiß den Menschen dienten. Wie sei aussahen, und wie groß ihre Zahl gewesen ist, weiß niemand, da sie sich tagsüber völlig verborgen hielten und erst mit Anbruch der Nacht ihre Arbeit begannen, die sie aber auch dann abseits von den Menschen und innerhalb ihres eigenen Wohnsitzes vollführten.
Trotz dieser Abgeschiedenheit waren sie immer zur Hilfe bereit. Keine Arbeit war ihnen zu groß und keine zu gering. Das war den Menschen in weitem Umkreis bekannt, und kaum war einer unter ihnen, dem die Wichtelmänner nicht einmal irgendeinen Dienst getan hätten. Sie schärfte den Landleuten Sensen, Äxte und Pflugschar, den Bergleuten richtete sie mit leisen Beschwörungen die Grubenlichter her, den Fuhrleuten besserten sie Deichsel und Wagenräder aus, und selbst über die Handwerksburschen und Landfahrer, die des Weges kamen und auf langer Fahrt die sohlen unter den Schuhen verloren hatten, erbarmten sie sich. Allabendlich wanderten die Menschen mit ihren Sorgen an den Rand des Gebüsches, legten die brüchigen oder verbrauchten Gerätschaften dort nieder und erbaten deren Erneuerung mit bescheidenem Wort. Darauf entfernten sie sich unverzüglich, ohne dabei umzusehen.
Bis zum Einbruch der Dunkelheit blieb drinnen im Gebüsch alles totenstill. Dann begann es zu wispern und zu flüstern und sich zu regen, als ob jeder Halm auf dem Grunde ein Wichtelmann geworden sei. Die Blätter des Gesträuches schienen in lauter kleine Hände verwandelt, die aus dem Gebüsch herauslangten und blitzschnell alle Arbeit an sich nahmen, die die Bedürftigkeit und das Vertrauen der Menschen vor dem Dickicht zusammentrugen. Dann kehrten sich dieselben Hände wieder nach innen und begannen emsig ihr Werk. Inmitten des Gebüsches flammte plötzlich ein nächtliches Feuer auf, das seinen freundlichen Schein über die ganze Umgegend warf. Deutlich vernahm man ein Surren und Singen, Klopfen und Klingen, Stoßen und Schwirren, wie es von Hämmern, Feilen, Hobeln und Meißeln aus den Werkstätten der Handwerker kommt, nur viel dünner und feiner, und im Zusammenklingen wie ein harmonischer Nachtgesang.
Wenn er mit Anbruch der Morgendämmerung verstummte, war die Arbeit auch getan und das Gebüsch wunderlich umsäumt mit gefertigten und gebesserten Gegenständen aller Art aus Holz und Leder, Kupfer und Eisen, Gold und Silber, Tuch und Leinen, Glas, Erde und Stein. Das Danken und Freuen der Menschen wollte dann kein Ende nehmen, denn sie gelangten durch den Beistand der Wichtelmänner zu Wohlstand und Besitz.
Wie sehr sie sich darum auch hüteten, dem kleine Volke irgendein Leid zu tun, so ist es durch frevlerischen Übermut dennoch in einer Nacht geschehen. Während die Zwerge emsig bei der Arbeit waren und nichts Böses ahnten, kam ein Schuster des Weges daher, der drei Tage über die Kirchweih hinaus gefeiert und darüber sein Werk versäumt hatte, und er gewahrte den gewohnten Feuerschein. Obgleich die Männlein ihm selbst schon viele Male geholfen, ihm Felle gegerbt und Leder zugeschnitten hatten, ärgerte er sich in seiner Trunkenheit über ihren Fleiß und über ihre Verborgenheit und rief sie zornig an: „Heraus, ihr Wichte! Ich muß euch sehen.“
Als es danach im Gebüsch jählings stille wurde, hetzt er seinen Hund in die Dornen hinein und warf überdies noch einen Stein. Im gleichen Augenblick, da dieser zur Erde fiel, klang aus dem Dickicht heraus ein vielstimmige Wimmern und Klagen, das wie das leise Weinen trauriger Kinder anzuhören war und sich immer mehr in der Ferne verlor. Als sein letzter Laut verhallte, erlosch auch das Feuer, und die Wichtelmänner waren verschwunden für alle Zeit.
Das verödete Dorngebüsch, das ihnen so lange Heimat war, überstand die Trennung nicht lange und dorrte in Gram und Trauer dahin, bis die Menschen sich darüber erbarmten, die Axt an seine Wurzeln legten und dann den Pflug über seinen Grund hinführten, damit neues Leben dort erwachsen sollte.